2020 :: Häretische Körper

Langsamer, sanfter, tiefer

Wir greifen dieses Wort Alexander Langers auf und machen es zum Motto der neuen Theatersaison in der Nach-Covid-19-Zeit.
Während der Pandemie sagten wir uns, dass diese Tragödie uns stärker machen würde. Mit dem neuen Programm, das nun startet, machen wir die Probe aufs Exempel.
Wir brauchen “Langsamkeit”: innehalten, sich Zeit nehmen, genießen und begreifen, was rundherum geschieht, was man wahrnimmt und in sich aufnimmt, auch und vor allem im kulturellen Bereich.

Langsamer wollen wir werden, um der Diktatur der Zahlen zu entkommen, die allem einen Wert zuweist: jede Handlung, all unser Tun wird heute von Regeln bestimmt, die den Gesetzen der Konsumwirtschaft gehorchen: Der Inhalt – die Spur, die Kunst in den Menschen hinterlässt, der Wandel, der sich in uns und in ihnen vollzieht, die Fragen, die aufgeworfen werden – zählt nicht. Was zählt, ist, dass das Publikum möglichst zahlreich ist; das Credo, wonach Kunst alle erreichen und für alle erreichbar sein muss, führt dazu, dass das Niveau sinkt, Inhalte verarmen und neuen Herausforderungen aus dem Weg gegangen wird.

Langsamer werden bedeutet für uns auch, dass wir dem Publikum näherkommen wollen, das unsere Vorstellungen besucht. In der neuen Saison zeigen wir Produktionen wie unsere Peep Show, das Schauspiel THE WALK vom Wandertheater-Ensemble IRAA Theatre und das schräge Stück Circo Kafka, das ganz ohne Worte auskommt, dafür aber umso mehr Seele hat. Sie alle experimentieren erfolgreich mit neuen Dramaturgien und neuen Bühnenräumen und stellen so eine neue, weil intimere und sachtere, Beziehung zu Zuschauerinnen und Zuschauern her.

Sanfter wollen wir werden, um dem Geschrei und den Banalisierungen, dem Missbrauch und der Verarmung der Sprache zu entkommen. Mariangela Gualteri und “unsere” Roberta Dapunt vermitteln uns den Zauber der Sprache, die zu Poesie wird. 

Tiefer wollen wir gehen, indem wir in unseren eigenen “Wunden” stochern auf der Suche nach dem, was uns ängstigt und unsicher macht. Wir wollen uns unsere Leiden genauer ansehen und, wie Emma Dante sagt, das Theater zum Sanatorium unserer Seele machen.

Tiefgang ist wohlgemerkt nicht gleichzusetzen mit langweiligem, besserwisserischem, trübsinnigem oder elitärem Theater. Wir wollen den Blick der Zuschauerinnen und Zuschauer schulen, das Publikum auf einer Entdeckungsreise begleiten, es zum Miteinander, zu einem weltlichen Ritus einladen, bei dem sich Bedeutsames ereignen kann und soll. Dieses Miteinander kann Staunen auslösen, aber auch Gereiztheit oder Unverständnis. Manchmal führt es zu einer Offenbarung, die uns von Grund auf verändert und niemals unberührt lässt.

Gute Nachrichten gibt es für all jene, die in der letzten Saison den Abend mit Alessandro Bergonzoni besuchen wollten. Die Vorstellung, die wegen der Pandemie abgesagt werden musste, holen wir nun nach

Antonio Viganò, künstlerischer Leiter

Photo: (c)Simone Cargnoni JUMPCUT – Courtesy of Oriente Occidente