2021 :: „Häretische Körper“
Der Titel, den ich für die vorliegende 12. Ausgabe von Häretische Körper gewählt habe, beschreibt, was wir tun und was unser Ziel ist. Wir beherbergen Theatergruppen, die sich mit unserer Gegenwart auseinandersetzen, mit dem, die uns umgibt, mit all den Widersprüchen, Verletzungen, Gewohnheiten und Ängsten. Wenn diese Erzählung auf künstlerische Weise umgesetzt wird, hilft sie uns dabei, in die Zukunft zu blicken und uns die gesellschaftlichen Veränderungen vor Augen zu führen.
Wenn wir ein Stück präsentieren, das von einem klassischen Mythos wie Frankenstein inspiriert ist, finden wir darin die Veränderungen und Ängste, die unsere Zukunft bedrohen. Dies lässt uns weit vorausblicken. Es lässt uns erkennen, was und wie wir Menschen in einigen Jahrzehnten voraussichtlich sein werden.
Und wenn wir das neue Stück Le Gattoparde von Nina’s Drag Queens bringen – mit ihrer amüsanten und doch tiefgründigen Art –, dann blicken wir auf die heutige Zeit, die das Recht auf Vielfalt einfordert. Dies erlaubt uns wiederum, eine Zukunft zu sehen, die von verschiedensten Identitäten bewohnt sein wird. Identitäten, die schon immer da waren, aber nicht immer anerkannt wurden. Identitäten haben aber auch mit Herkunft zu tun.
Einen wahrhaft meisterhaften Blick auf unsere Herkunft, auf unsere Wurzeln, wirft Tindaro Granata mit der Show Antropolaroid. Dabei lässt er uns weit vorausschauen und entdecken, dass wir Nähe, gemeinsame Geschichten brauchen, um einen Faden zwischen Vergangenheit und Zukunft zu spannen.
Auch das Stück Fuck Me(n) befasst sich mit Identitäten, im Mittelpunkt stehen typisch männliche Stereotypen einer Welt, in der das Männliche jedoch in der Krise steckt und, nach Ansicht des Autors, wie ein verwundetes Tier knurrt und beißt, getrieben vom Urinstinkt des Überlebens.
Alessandro Serra, der schon mehrmals bei uns in Bozen zu Gast war, beehrt uns mit seinem theatralischen Meisterwerk Macbettu; eine Aufführung, die uns überwältigt hat in ihrer visionären Schönheit und kraftvollen Übertragung von Shakespeares Macbeth in die musikalische Sprache des Sardischen.
Eine Peep Show für Aschenputtel führt uns hingegen unsere Gegenwart, die von sozialer Distanzierung geprägt ist, auf theatralische Weise vor „Augen“. Dank der szenischen „Notlösung“, die den Zuschauer in eine Einzelkabine zwingt, um den Tanz der aufstrebenden Aschenputtel-Anwärterinnen zu „beobachten“, ist das Stück mittlerweile zu einer Kult-Show geworden. Beobachten und Sehen verschmelzen in dieser voyeuristischen Dimension.
Mit La Mappa del Cuore von Lea Melandri werfen wir einen Blick auf jene innovative Rubrik, die von Lea Melandri, einer führenden Persönlichkeit des italienischen Feminismus, erfunden und kuratiert wurde – ein offener Dialog mit den neuen Generationen.
Wir betrachten unsere Gegenwart also ganz genau und versuchen gerade dadurch, in die Zukunft zu blicken. Die Kunst und insbesondere das Theater können dabei der Spiegel sein, der den bloßen Schein transzendiert und uns anregt, weiter vorauszublicken.
Antonio Viganò, künstlerischer Leiter

